Gedenkstein in Ahlten eingeweiht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar – für alle, überall und jederzeit“

Der Ortsrat mit Ortsbürgermeisterin Heike Koehler (3. von links) sowie Pastorin Louisa Pandera (rechts) am Gedenkstein.
Foto: Bastian Kroll

Auf den Tag genau 81 Jahre nach dem Massaker vom 9. April 1945 hat der Ahltener Ortsrat am gestrigen Donnerstagabend, 9. April 2026, einen Gedenkstein eingeweiht – am Kurt-Grefe-Weg, dem Verbindungsweg zwischen den Straßen „Im Wiesengrund“ und „Zum Großen Freien“. Rund 100 Menschen kamen zur Feierstunde, die die Ahltener Musikanten mit „The Rose“ eröffneten und mit „Cantabile by Winds“ abschlossen. Der Gedenkstein war zuvor mit einem Kranz des Ortsrates geschmückt worden.

Unter den Gästen waren Mitglieder des Ortsrates und des Stadtrates, der stellvertretende Lehrter Bürgermeister Wilhelm Busch, die Regionsabgeordnete Helga Laube-Hoffmann, Ortsbrandmeister Florian Hammer und Pastorin Louisa Pandera.

„Mehr als ein Stück Stein“

Ortsbürgermeisterin Heike Koehler eröffnete die Veranstaltung mit einer eindringlichen Rede. „Wir wollen heute ein sichtbares Zeichen setzen. Wir wollen den Menschen eine Stimme geben, denen man jede Würde genommen hatte“, sagte sie. Sie gedachte der 16 Zwangsarbeiter, die an jenem 9. April 1945 in Ahlten ermordet wurden – 13 an jenem Tag selbst, drei weitere starben in den folgenden Tagen an ihren Verletzungen im Krankenhaus.

Koehler machte den Sinn des Gedenksteins unmissverständlich klar: „Dieser Gedenkstein ist mehr als ein Stück Stein. Er ist ein Zeichen unserer Verantwortung.“ Er erinnere daran, „dass Unrecht nicht einfach geschieht – es wird von Menschen begangen, und es kann nur von Menschen verhindert werden.“ Und er erinnere daran, „dass Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit niemals selbstverständlich sind.“

Mit Blick auf die Gegenwart betonte die Ortsbürgermeisterin: „Gerade in einer Zeit, in der Ausgrenzung, Hass und das Verdrehen von Geschichte wieder lauter werden, ist dieses Erinnern wichtiger denn je. Wir tragen keine Schuld an dem, was damals geschehen ist. Aber wir tragen Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder geschieht.“ Diese Verantwortung beginne im Kleinen – „im Alltag, im Miteinander, dort, wo wir Haltung zeigen, dort, wo wir widersprechen, dort, wo wir Menschlichkeit leben.“

Was am 9. April 1945 geschah

Der historische Teil der Veranstaltung wurde in drei Beiträgen von den beiden stellvertretenden Ortsbürgermeistern Jens Jeitner und Timo Bönig sowie Ortsratsmitglied Michael Müller gestaltet.

Jeitner erinnerte an die explosive Lage, in der sich Ahlten am Morgen jenes Montags befand. Das Ende des NS-Regimes war absehbar, die US-Truppen standen bereits vor Hannover – und dennoch herrschte im Ort eine extreme Grauzone aus zerbrechender staatlicher Ordnung und letztem Aufbäumen des NS-Terrors. Am Bahnhof Ahlten war es zu Konflikten zwischen bewaffneten russischen Zwangsarbeitern und Wehrmachtssoldaten gekommen. Eine in Misburg stationierte Abteilung des Reichsarbeitsdienstes – rund 120 Mann – rückte daraufhin aus und durchkämmte das Gelände zwischen Bahnhof und Misburg. Ihr Befehl: auf jeden schießen, der auf Anruf nicht stehenblieb. Sie führten ihn aus.

Bönig schilderte einen Moment, der beinahe zu einem noch größeren Massaker geführt hätte: Als rund 100 bis 120 aufgegriffene Zwangsarbeiter in den Ahltener Brauereikeller gesperrt worden waren, soll der Führer der Arbeitsdienstabteilung erwogen haben, Handgranaten unter die Eingesperrten werfen zu lassen. Nur das entschlossene Eingreifen von Einheimischen und des Gendarmeriemeisters Lages verhinderte es. „Diese Ereignisse fordern uns auf, Haltung zu zeigen – ohne wegzusehen“, sagte Bönig.

Michael Müller ergänzte: „Die Erinnerung lebt durch unser Handeln im öffentlichen Raum.“

Namen zurückgeben

Pastorin Louisa Pandera rückte die Opfer als Menschen in den Mittelpunkt. Sie betonte, dass die Getöteten weit mehr waren als die Kategorie „Zwangsarbeiter“ erkennen lässt. „Einige dieser Menschen kennen wir mit Namen. Andere sind anonym geblieben. Doch eines ist gewiss: Jeder einzelne Mensch hatte ein Leben. Einen Vor- und Nachnamen. Eine Geschichte. Eine Würde. Ihr Schicksal darf nicht vergessen werden.“

Die Namen, die überliefert sind, erzählen, woher die Opfer kamen: Alain Constance aus der Bretagne und Gérard Catheline aus der Touraine, beide Franzosen, erschossen in der Bahnhofstraße – dem heutigen „Zum Großen Freien“. Petrus Peelen aus dem niederländischen Elst, Giuseppe Aiello aus dem süditalienischen Boscoreale, Grigori Bulajenko aus Orenburg und Fjedor Kiesenow aus der Sowjetunion. Viele weitere Namen sind bis heute nicht bekannt.

Am Ende ihrer Rede legte Pastorin Pandera 16 Rosen am Gedenkstein ab – eine für jedes der Todesopfer.

Dank und Ausblick

Ortsbürgermeisterin Koehler dankte abschließend dem Historiker Dr. Heiko Arndt für die wissenschaftliche Aufarbeitung der Ereignisse, den Handwerksbetrieben Keding Bau und Hübener Gerüstbau für Transport und Aufarbeitung des Steins sowie der Firma Gödeke Metall- und Lasertechnik für die Ausführung der Inschrift. Sie wies zudem auf einen QR-Code (mit diesem Link) am Gedenkstein hin, der auf die Internetseite der Stadt Lehrte führt und dort sukzessive erweiterte Hintergrundinformationen zum 9. April 1945 bieten soll.

Im Anschluss an die Feierstunde lud der Ortsrat zu Gesprächen und Erfrischungen ins Feuerwehrgerätehaus ein.

Ein Satz als roter Faden

„Wir erinnern. Wir mahnen. Wir handeln.“ – dieser Satz stand auf der Schleife des Gedenkkranzes und zog sich wie ein roter Faden durch alle Wortbeiträge des Abends. Er soll kein einmaliges Bekenntnis bleiben, sondern das tägliche Handeln in Ahlten prägen – heute und in Zukunft.

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